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Zwischen Bergwelt und Bubble Hopping

2026-10-07 21:38
Ich sitze auf einem grünen Liegestuhl auf der Terrasse meiner Eltern in Randa, mitten in der imposanten Walliser Bergwelt. Zwei Ehringerkühe leisten mir Gesellschaft. Hier, wo meine Vorfahr:innen einst unter härtesten Bedingungen lebten, denke ich darüber nach, wie sehr uns unsere Herkunft prägt und wie wichtig es gleichzeitig auch ist, ab und zu über sie hinauszuwachsen.

Meine Familie kennt beide Seiten: das Leben mit dem Nötigsten und den späteren wirtschaftlichen Aufschwung durch den Tourismus in Zermatt, wo ich zwischen Bergdorfidylle, atemberaubender Natur und internationaler High Society aufgewachsen bin. Aus dem Kampf ums tägliche Überleben entstand ein Familienunternehmen, das heute in dritter Generation geführt wird. Ich bin stolz auf diese Geschichte, und konnte viel Unternehmer:innengeist mitnehmen. Gleichzeitig habe ich von dort auch einen sehr starken Leistungsgedanken mitgenommen: Sicherheit muss erarbeitet werden. Immer wieder.

Abgesehen vom Gletscherschmelzen scheint die Welt hier oben – zumindest auf den ersten Blick – noch ziemlich in Ordnung zu sein. Dorfleben halt: Jede:r kennt jede:n (gegendert wird aber sicher nicht:)), manchmal durchaus etwas engstirnig, immer mit viel Bewusstsein für Traditionen und mindestens ebenso viel Liebe für die Berge und die alpine Flora und Fauna. Ausser für den Wolf natürlich!

Mich hat es trotzdem schon früh hinausgezogen. Vom Wallis nach Brig ins katholische Internat, später fürs Studium nach Fribourg und Bern und immer wieder hinaus in die weite Welt und wieder zurück. Ich habe viele unterschiedliche Lebenswelten kennengelernt und mich immer wieder zwischen ihnen bewegt.

Ich denke an die Frage von Danica Zurbriggen, einer der Walliserinnen, die mich aktuell besonders inspirieren:
„Geht das gleichzeitig? Traditionell und zeitgemäss sein? Die Berge lieben und visionäre Politik machen? Nostalgie mal ablegen, die eigene Kindheit nicht verklären, Gegenwart und Zukunft gestalten?“ Meine Antwort ist klar: Ja. Es muss sogar gleichzeitig gehen.

Ich kann meine Herkunft lieben, ohne sie zu verklären. Ich kann stolz auf meine Familiengeschichte sein und trotzdem kritisch auf das schauen, was sie mir mitgegeben hat. Ich kann die Berge lieben und gleichzeitig sehen, wie ihre Gletscher verschwinden.

Und genau darum geht es für mich: unterschiedliche Welten nicht gegeneinander ausspielen zu müssen, sondern mich zwischen ihnen bewegen zu können.Das mache ich seit zwanzig Jahren. Heute nenne ich das Bubble Hopping.

Den Begriff habe ich 2024 an der Inner Development Conference in Stockholm kennengelernt. Bubble Hopping bedeutet, die eigene soziale und gedankliche Blase bewusst zu verlassen und sich auf andere Lebenswelten und Perspektiven einzulassen. Bei mir war das lange keine bewusste Strategie. Es war schlicht mein Leben.

Das Wallis und Bern. Bergdorf und Stadt. Tradition und Progressivität. Konservative Männer, die den Wolf am liebsten gestern abgeschossen hätten, und meine queere, linke, ziemlich hippiesque Hipster-Bubble. Und genau diese Welten haben mich geprägt.

Früher hätte ich manche Menschen aus der ersten Gruppe schnell abgestempelt und innerlich aus meinem Leben verbannt. Heute versuche ich zuerst zuzuhören. Weil dieses Hin- und Herspringen hat mich eines gelehrt: Menschen lassen sich selten auf ihre politische Haltung, ihre Herkunft oder ihre Meinung reduzieren.

Ich muss die Haltung meines Gegenübers nicht gutheissen, um sie verstehen zu wollen. Aktives Zuhören bedeutet nicht Zustimmung. Es bedeutet, die eigene Reaktion für einen Moment zurückzustellen und wirklich wissen zu wollen: Warum denkst du so? Was hast du erlebt? Was treibt dich an?

Das kann unangenehm werden. Manchmal höre ich Dinge, die mich wütend machen. Trotzdem bleibe ich möglichst im Gespräch, und klar das geht natürlich nicht immer. Man muss nicht jeden Kampf kämpfen. Aber wir müssen auch aufhören, jede Meinungsverschiedenheit sofort in einen Kampf zu verwandeln.

Gerade in einer Gesellschaft, die immer stärker polarisiert, brauchen wir mehr Menschen, die bereit sind, ihre eigene Bubble zu verlassen. Fragen zu stellen, statt sofort zu urteilen. Zuzuhören, statt nur auf die eigene Antwort zu warten. Und ja auch auszuhalten, dass ein anderer Mensch die Welt komplett anders sehen kann als man selber.

Als Humanistin glaube ich daran, dass Menschen mehr sind als ihre schlechteste Meinung oder ihre problematischste Handlung. Genau diesen Gedanken finde ich auch bei der deutschen Philosophin Carolin Emcke wieder: Wenn wir Handlungen betrachten, statt Menschen endgültig auf eine Zuschreibung festzulegen, bleibt Raum für Veränderung. Das ist für mich entscheidend.

Ich will Menschen nicht auf ihre Herkunft, ihre politische Haltung oder ihre Fehler reduzieren. Ich will wissen, was sie bewegt und ich will gleichzeitig auch immer wieder den Mut finden, klar zu sagen, wo meine eigenen Grenzen liegen. Beides geht.

Ich kann meine Herkunft lieben und trotzdem kritisch auf sie schauen. Ich kann die Berge lieben und eine andere Vorstellung von Zukunft haben. Ich kann Traditionen schätzen und trotzdem Veränderungen fordern. Ich kann mit Menschen im Gespräch bleiben, deren Meinung ich nicht teile.

Dafür braucht es aus meiner Erfahrung vor allem Neugier, Mut und verdammt viel Übung. Aber ich will nicht zwischen meinen Bubbles wählen müssen. Ich will mich in ihnen bewegen können und immer wieder den Mut haben, die nächste zu betreten.

Mein nächster Text geht es um Mutiges Führen in komplexen Zeiten. Du willst ihn nicht verpassen? Dann schreib dich auf meinen Newsletter direkt hier ein.